Gottesdienst am 2. April 2006 in Rengershausen um 9.30 Uhr und in Guntershausen um 10.45 Uhr
1. Orgelvorspiel
2. Begrüßung und Bekanntmachungen (KV)
3. Lied: EG 156 Komm, Heiliger Geist
4. Lied: EG 93,1-4 Nun gehören unsere Herzen
5. Votum, evtl. Thema des Godis
6. Psalm 43 (Agende)
7. Bittruf, Lobpreis und Tagesgebet
8. Schriftlesung Joh 11,47-53 (KV)
9. Glaubensbekenntnis (KV)
10. Lied: EG 85,1.5-7 O Haupt voll Blut und Wunden
11. Predigt
12. Lied: EG 85,8-10 O Haupt voll Blut und Wunden
13. Abkündigungen
14. Fürbitten / Vaterunser
15. Lied: EG 97,1-6 Holz auf Jesu Schulter (Gitarre)
16. Segen
17. Orgelnachspiel
Predigt zu 4.Mose 21,4-9
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Liebe Gemeinde!
Der heutige Predigttext erzählt wie das Volk Israel nach vielen langen Jahren der Entbehrung fast am Ziel ihrer Wüstenwanderung angelangt ist. Kurz vor dem erhofften Einzug in das verheißene Land, in dem Äcker, Weinberge und endlich Normalität warten, wird das Volk von drei harten Schlägen getroffen. Aaron, der Bruder von Mose, der für das Volk verhandelt und gesprochen hat stirbt ebenso wie Miriam und dann verweigert der König von Edom ihnen auch noch den Durchzug durch sein Land und das Volk muss einen langen Umweg in Kauf nehmen und wieder zurück in die Wüste. Doch hören Sie selbst aus dem 4. Buch Mose im 21. Kapitel die Verse 4-9:
Da brachen sie auf vom Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier und uns ekelt vor dieser mageren Speise. Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.
Liebe Gemeinde, ist das ein Wunder, dass die Menschen verdrossen sind, oder wie es im hebräischen Text bildreich wörtlich übersetzt hieße, dass "ihre Seele kurz wurde wegen des Weges"? Wer hätte angesichts einer solchen Zumutung fast am Ziel aller Bemühungen noch den langen Atem der Hoffnung?
Klar das Volk Israel wurde versorgt mit dem Nötigsten in der Wüste. Es gab immer wieder wunderbarer Weise Wasser und das Brot vom Himmel, das Manna ernährte sie genauso wie ab und zu die Wachteln, aber eben immer nur von Tag zu Tag und niemals eine Abwechslung. Und noch viel schwerer wiegt, dass die Hoffnung auf Heimat und die Sehnsucht danach sich endlich ausruhen zu dürfen schon wieder bitter enttäuscht wurde. Da kommt man schon ins Grübeln und fragt manchmal unter bitteren Tränen: Wie lange denn noch? Warum denn diese Wendung des Schicksals? Wie viel muss und kann ich denn noch ertragen?
Solche Fragen kennen wir auch und stellen sie in den Wüsten unseres Lebens. Eine Krankheit, die einfach nicht enden will. Das Gefühl nicht gebraucht zu werden und keine Perspektive mehr zu haben, weil die 200ste Bewerbung kommentarlos wieder zurückkommt. Nach vielen Gesprächen immer noch keine Lösung des Konflikts mit dem Partner, der Partnerin oder den Kindern. Oder die Verzweiflung darüber, dass ich immer wieder über die gleichen eigenen schlechten Eigenschaften stolpere.
Und dann werden in der Geschichte Schuldige gesucht. Das Volk Israel beschuldigt Mose und Gott, dass sie aus einem unfreien, aber nicht von Hunger und Durst bedrohten Leben in die Wüste geführt wurden. Lieber wollen sie wieder Sklaven der Ägypter sein, als die Zumutung einer nicht gestillten Sehnsucht weiter auf sich zu nehmen und einer Hoffnung hinterher zu rennen, die nicht einen Funken Aussicht auf Verwirklichung zu haben scheint. Resignation, Frust, Unzufriedenheit und Wut machen sich breit und werden in Worte gefasst. Uns ekelt vor dieser mageren Speise. Dass sie jeden Tag aufs Neue mit allem zum Leben und Überleben Nötigen versorgt werden und dass Gott sie auch auf dem hundertsten Umweg durch die Wüste begleiten wird können sie einfach nicht mehr wahrnehmen. Die Israeliten sind gefangen in ihrer Hoffnungslosigkeit, in ihrem Murren, in ihrer verklärten Erinnerung, gefangen in sich selbst, innerlich schon längst vergiftet von ihrer Bitterkeit und Unzufriedenheit, von ihrer Hoffnungslosigkeit.
Es scheint, dass die Schlangen, die Gott als Strafe oder besser noch als Erinnerung schickt, dass er diese Menschen bis hierher bewahrt und am Leben erhalten hat, nur äußerer Ausdruck des innerlichen Zustandes der Menschen sind. Überall sind sie zu finden, wuseln den Israeliten zwischen den Beinen herum und beißen wie wild um sich. Ein Alptraumbild bei dem kein Entrinnen möglich ist. Zur Resignation kommt nun auch noch die sprichwörtliche Starre und Lähmung im Anblick der Schlangen.
Was sind wohl die Schlangen in unserem Leben, die uns erstarren lassen, die uns manchmal so sehr beißen, dass wir innerlich vergiftet sind, die unseren Blick an den Boden fesseln und uns lähmen, sodass wir einen hoffnungsvollen und optimistischen Blick in die Zukunft nicht mehr wagen? Welche Sorgen und Probleme haben uns so sehr im Griff, dass wir nicht mehr von ihnen absehen können? Ob das all die ungestillten Sehnsüchte sind mit denen wir nicht mehr umgehen können? Sehnsüchte die uns nicht mehr in Bewegung halten sondern nur noch unzufrieden werden lassen, weil die Erfüllung in weiter Ferne scheint? Ungestillte Sehnsüchte, die uns nicht mehr Ziel und Antrieb sind, sondern lähmen, sodass nur noch Jammern und Murren übrig bleiben und uns von innen vergiften? Können wir unseren Sehnsüchten Gestalt geben - egal in welchem Lebensalter wir sind - damit sie uns mehr zu uns selbst führen und wir wenigstens ein bisschen von ihnen verwirklichen können?
Wie also können die Schlangen, die Probleme, die ungestillten Hoffnungen überwunden und der von ihnen gebannte Blick gewendet werden? Wie kann sich der Blick vom Boden lösen und wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken?
In der Geschichte vom Volk Israel ist der erste Schritt die Erkenntnis, dass ihr Murren und Schimpfen wohl nicht ganz gerechtfertigt waren und sie bitten um Entschuldigung. Wir haben gesündigt wider Gott und dich, sagen sie zu Mose. Wir haben uns abgewendet von dem, der uns Freiheit und Leben, Weg und Ziel, Hoffnung und Kraft versprochen hat. Hilf uns! Bitte Gott, dass er die Schlangen wieder zurücknimmt.
Das bringt die Wende, aber wieder einmal nicht so, wie die Israeliten sich das vorstellen: Ein Schlangenbild aus Bronze soll Mose machen und an einen Stab hängen und hoch aufrichten und wer es ansieht und gebissen ist, soll leben.
Gott nimmt nicht einfach die Schlangen weg. Sie sind weiterhin da und beißen und drangsalieren die Israeliten, machen ihnen das Leben schwer. Allerdings ist die Macht der Schlangen trotzdem gebannt und überwunden, denn wenn die Menschen selber aktiv werden und es schaffen von den Schlangen am Boden abzusehen, den Blick zu heben und die Schlange die starr und machtlos am Stab hängt ansehen, werden sie gerettet und bleiben am Leben. Das Abbild einer Schlange, von dem Wesen, dass am Boden und in der Realität noch Angst und Schrecken verbreitet, wird auf einmal zu einem Symbol des Lebens. Die Schlange der ungestillten Sehnsucht, die vor kurzen noch in unseren Eingeweiden rumort hat, wird auf einmal die Medizin, die uns mehr zu uns selbst und dem führt, wer wir eigentlich sind und was wir eigentlich wollen, wofür wir dankbar sein können.
Wir brauchen solche Bilder, die unser Leben retten, Symbole, Zeichen, die Gott uns gibt, damit auch wir von unseren Schlangen, von unseren großen und kleinen Problemen und Schwächen und Bitterkeiten, Verletztheiten und Verzagtheiten absehen können und in dem Zeichen das Gott uns gibt Rettung und Hoffnung auf einen Neuanfang für unser Leben bekommen.
Das Kreuz, das wir in der Passionszeit besonders bedenken, ist so ein Zeichen des Lebens, obwohl wir manchmal an ihm sogar noch den leidenden und sterbenden Christus sehen. Am Kreuz ist der Tod gebannt und besiegt. Am Kreuz zeigt Gott uns, was er ein für allemal überwunden hat. Christus ist hinabgestiegen in das Reich des Todes um als Sieger über den Tod und alles was unser Leben einengen und lähmen will wie der Tod wieder aufzuerstehen und uns auf diesem Weg durch den Tod hindurch zum Leben bei und mit Gott mitzunehmen.
Das Kreuz hilft uns von unserem Murren, Unzufriedensein, von unseren Krankheiten und Nöten einmal ab- und aufzusehen. Jesus nimmt das Leiden mit ans Kreuz und stellt sich so auf die Seite der Leidenden und gibt uns eine unverlierbare Hoffnung, die über den Tod hinausgeht.
Diesen Gedanken nimmt auch der Dichter und Pfarrer Paul Gerhardt in seinem Passionslied: O Haupt voll Blut und Wunden auf, wenn er im Angesicht des Todes seiner Frau schreibt: Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein. Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod. Und lass mich sehen dein Bilde, in deiner Kreuzesnot. Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.
Dieser Blick auf den, der den Tod für uns trägt, erträgt und überwindet, lässt nicht auf einmal alle Schlangen aus unserem Leben verschwinden, aber es ist der Blick, der die Macht der Schlangen beendet und uns aufblicken lässt in eine Zukunft die Gott für uns bereit hält. So wie Gott die Israeliten schließlich doch noch in das verheißene Land führt und ihre Hoffnung auf ein besseres, freies Leben erfüllt. Versuchen wir's doch auch, liebe Gemeinde, unseren Blick auf den zu richten, der unser Leben auch dann noch begleitet, wenn wir meinen alles ist zu Ende und es gibt keine Hoffnung mehr.
Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.